Classics I: „Manche Tage.“

Der folgende Text erschien erstmal am 10.09.2006 in einem meiner Blogs. Ich erntete unverschämt viel Applaus dafür, sowohl in den Kommentaren als auch in den eMails, die ich erhielt. Ich persönlich mag den Text noch heute, auch wenn ich ihn nicht für vollkommen gelungen halte. Ich würde heute hier und da etwas verändern, verfeinern. Aber dennoch, hier in ungekürzter, unveränderter Form: Manche Tage.


Wenn ihn seine Mutter suchte, so wusste sie immer, wo sie ihn finden würde. Manche Dinge ändern sich auch über Jahre hinweg nicht. Doch wer sollte ihn heute – nach so vielen Jahren – suchen?
Er sitzt in seiner Fensterbank und schaut hinaus. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht, sanft und warm. Es scheint schon fast unwirklich, wenn man an das Wetter der letzten Tage denkt. Unter dem Fenster mit der dreckigen Scheibe liegen drei Briefe, aufgerissen und hingeworfen. Die Gaswerke wollen Geld, und zwar für die letzten sieben Monate. Wenn er Geld hätte, hätte er längst gezahlt, wann werden sie es endlich verstehen? Auch das Schreiben seiner Bank verhieß nichts Gutes: Bis zum Hals im Dispo und kein rettendes Ufer. Um „ein Gespräch zur Klärung ihrer zukünftigen Finanzen“ wird gebeten. MfG – LmaA. Der dritte Brief war kein Brief im eigentlichen Sinn. Es war Werbung für das neue chinesische Restaurant, was am Ende der Straße eröffnet wurde. Selbst wenn er chinesisches Essen mögen würde, hätte er kein Geld dafür.
Er kramt und wühlt in seinen Taschen und fingert ein Streichholzheftchen heraus. Er hält es ins Licht, „Gasthaus Thüringer Hof, Meiningen“ steht drauf. Die Versuche, sich zu erinnern, wann er mal in Thüringen war, greifen ins Leere. Er zieht eine Zigarette aus der Schachtel, die neben ihm liegt und steckt sie sich in den Mundwinkel. Ein Streichholz reibt über die Zündfläche, Schwefelgeruch fährt ihm in die Nase. Er beobachtet die Flamme, wie sie langsam das Holz frisst und führt sie dann zur Zigarette. Mit einer schüttelnden Handgelenkbewegung bringt er sie daraufhin zum Erlöschen und schnippst das qualmenden Zündholz aus dem Fenster. Früher benutzte er Feuerzeuge, doch das ist lange her. Er liebte schon immer die Schönheit brennender Dinge. Rauch füllt seine Lungen und seine Blicke gehen – man möchte fast sagen: schweben – auf die gegenüberliegende Straßenseite. Kinder spielen auf dem Spielplatz, auf den Bänken sitzen ihre Eltern und unterhalten sich. Er versteht auf die Distanz kein Wort, doch kann er sich denken, worüber gesprochen wird. An der Zigarette ziehend und leise seufzend denkt er sich, wie gerne er eines der Kinder wäre, oder wenigstens einer der Eltern.

Er steht auf, leicht schwankend, und geht zur Stereoanlage. Seine Hand langsam zum Regal darüber führend, nimmt er einen weiteren tiefen Zug. Die Finger blättern sich durch die Schallplatten und fischen eine hervor. Maritime, Glass Floor. Er hält das Cover in den Händen, dreht sie einmal herum und zieht dann das schwarze Vinyl heraus. Als die Platte sich langsam und gleichmäßig dreht und von der Nadel leise knackend berührt wird, muss er lächeln. Er liebt es, Schallplatten beim Drehen zuzuschauen. Er liebte schon immer die Schönheit einfacher Dinge. Wenn die Anderen sich erstaunt zeigten ob der Komplexität eines Uhrwerkes, so erfreute er sich stets an den Zeigern der Uhr, die zart silbern in der Sonne blitzten.

Zurück auf der Fensterbank wirft er den Rest der inzwischen niedergebrannten Zigarette aus dem Fenster. Die Kinder und ihre Eltern sind mittlerweile weg, und auch sonst scheint sich draußen nichts zu regen. Er blickt auf seine zerrissene Jogginghose, die seine Freundin immer so sehr hasste und er immer so sehr liebte. Er liebte schon immer die Schönheit alter Dinge. Seine Freundin würde sich sicher wieder aufregen, sähe sie ihn jetzt hier sitzen, auf der Fensterbank und in dieser alten Hose. Doch sie sieht ihn nicht. Sie ging vor sechs Tagen und sie kommt nicht mehr wieder. An ihrer Seite geht jetzt jemand anderes. Sicher ist er in der freiwilligen Feuerwehr und hört Housemusik, sagt er leise, fast schon flüsternd. Er muss lächeln bei dem Gedanken daran. Gestern lächelte er nicht, gestern weinte er. Er wird sicher auch morgen weinen, doch heute lächelt er.
Er fischt ein weiteres Mal das Streichholzbriefchen aus der Tasche, wirft einen Blick auf das Foto an der Wand, ein Foto seiner (Ex-)Freundin. Die Beine baumeln aus dem Fenster, er zündet sich die letzte Zigarette an. Er ascht auf die Rechnung und den Brief der Bank am Boden und blickt auf den leeren Spielplatz gegenüber. Die Schaukel bewegt sich leicht im Abendwind.

Er blinzelt in die untergehende Sonne und atmet den blauen Rauch seiner Zigarette aus. Unweigerlich muss er ein weiteres Mal lächeln. Manche Tage sind zu schön, um zu sterben.

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