Classics II: „Weise Worte, alter Mann.“

Würde ich jene, die meine alten Blogs kennen, fragen, welcher mein bester Eintrag und/oder Text sei, so würde es sicher einige unterschiedliche Antworten geben. Ich denke, meine Antwort wäre: „Weise Worte, alter Mann.“ Kurz und knackig, auf den Punkt gebracht und nicht vollkommen mies geschrieben…
Die Erstveröffentlichung war am 30.08.2006.


In der Straßenbahn saß mir ein älterer Herr gegenüber. Seine Gesichtszüge waren kantig und markant, die Falten seiner Haut wie Schluchten eines Gebirges. Ein Tremor ließ die Muskeln seiner rechten Hand nicht zur Ruhe kommen, und auch die linke schien ihm nicht mehr ganz zu gehorchen. Es war unmöglich zu schätzen, wie alt er sein mochte, doch ich unterstelle, dass dies ab einem gewissen Alter ohnehin belanglos ist. Für einen Moment dachte ich, er würde mich anstarren, doch dann sah ich die Leere in seinem Blick. Er redete vor sich hin, leise, fast schon flüsternd. Wortfetzen, deren Sinn und Zusammenhang ich nicht verstand. Monoton und unabdingbar, und doch sensibel und verletzlich.
Und mit einem Mal – wie aus dem Nichts – füllten sich seine Augen mit Leben und bekamen einen sonderbaren Glanz. Er hielt inne und sagte dann (laut & deutlich): „Man kann nicht immer Sieger sein!“, nur um dann wieder in die alte Monotonie (man möchte fast sagen: Apathie) zurückzufallen und wieder ein Sklave seines alternden Körpers zu werden.
Ich sah ihn mit großen Augen an, musste schmunzeln und dachte mir: „Weise Worte, alter Mann.“

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