Archiv | Oktober 2014

Eine handvoll Jugendliche im Schwarzen Sommer sechsundneunzig.

Das LIcht fällt durch die dreckigen Fensterscheiben auf die an der Wand hängenden Puzzle. Ein Miniaturmodell des Millenium Falcon wirft Schatten auf den Teppich. Es ist Spätherbst ’96 und ich sitze hier auf dem alten, ausgesessenen grauen Sofa. Vor mir liegt das Kartefakt, eine Zeitschrift, die es schon lange nicht mehr gibt. Irgendjemand hat die Seite mit den aktuellen Preislisten aufgeschlagen, ich selbst mische mir seit gefühlten zehn Minuten die Finger wund, während ich das Spiel zwischen Butze und Mendel beobachte. Irgendjemand hat meinen Ordner auf dem Schoß und blättert ein wenig lustlos darin herum. Immer wieder werfe ich einen Seitenblick, nur um sicherzugehen, dass mir keine Karte gestohlen wird. Das Spiel am Tisch nähert sich dem Ende, bei der nächsten Runde bin ich dabei. Bis dahin: Beobachten und weitermischen. Butze legt den nächsten Mahamoti-Dschinn (oder „Motte“ wie sein Spitzname seit frühesten Jahren lautet) und hat das Spiel im Sack. Von links wird Interesse an einer meiner Karten bekundet. Ich beuge mich nach vorne und überprüfe den „aktuellen“ Preis, verschiebe einen etwaigen Tausch auf später. Jetzt kommt erstmal mein Moment: Ein letztes Mal mischen. Den Würfel auf „20“ drehen. Abheben. Sieben Karten ziehen. Anschauen, grinsen und los geht es…


Das alles ist so endlos lange her, es liegt so unglaublich lange zurück. Jüngst kam ich wieder von einem Turnier; es lief mittelprächtig, aber hat Spaß gemacht. Ich unterhielt mich mit einem anderen Spieler, geschätztes Alter Ende 40. Er selbst hatte genau wie ich sechs, sieben Jahre mit dem Spiel pausiert. Nun saß er mit mir an diesem kleinen Tisch, mit sovielen anderen Spielern. „Es ist doch so,“ sagte er und zog dabei eine neue Hand, während ich noch am Mischen war, „man hört doch nie wirklich auf mit dem Spiel. Man macht eine Pause – der eine kürzer, der andere etwas länger -, aber aufhören?“ Er schüttelte den Kopf.

Immer wieder treffe ich Spieler, die irgendwann einmal „aufgehört“ haben – eigentlich trifft das auf fast jeden Spieler zu, der ein paar Jahre dabei war. Aber es ist verrückt: Sie alle kommen wieder. Irgendwann werden sie die Karten wieder aus dem Keller holen; sie werden wieder kleine eingeschweißte Tütchen öffnen, sie werden wieder an diesen Tischen sitzen und sie werden das tun, was sie im Grunde am Liebsten tun: Die Karten mischen. Die Karten mischen, während sie sich mit anderen unterhalten. Die Karten mischen, während sie anderen beim Spielen zusehen. Die Karten mischen, während sie auf ihren eigenen Einsatz warten.

Ich habe noch immer meine ersten Karten – zumindest jene, die nicht im Laufe der Zeit vertauscht wurden. Die Ecken sind angestoßen, sie haben Knicke und Fettflecke. Kein Schwein würde sie für diese ersten Karten interessieren (Mirage auf deutsch), nicht in diesem Zustand. Aber das ist auch egal. Warum sollte ich sie hergeben? Diese allerersten Karten, die ich je besaß, sind in diesem Jahr 18 Jahre alt geworden. Volljährig. Immer wieder, bei sovielen Dingen, stelle ich fest, wie alt ich geworden bin. Auch hier: 18 Jahre. Unglaublich.
Und wieder einmal denke ich an den vierzehnjährigen Jungen, der mitten im Stimmbruch steckte und (gemeinsam mit seinen Freunden) eine neue Leidenschaft für sich entdeckt hatte. Eigentlich ist es Wahnsinn gewesen: Man vertraute auf Kartenpreise aus einem im besten Falle zwei Monate alten Printmedium, während ich mich heute an den aktuellen Tagespreisen orientiere. Meine Decks teste ich am Computer, bevor ich mir die benötigten Karten im Internet kaufe und dann das Deck zusammenbaue. Es gibt keine Combo, keinen Trick, keinen Kniff, den ich nicht im Internet nachlesen kann. Das ganze Rätsel dieses komplizierten Spieles liegt vollkommen gelöst vor mir, ich kann darin lesen wie in einem offenen Buch. Und mein Rucksack? Der steht schon gepackt in der Ecke, für das nächste Turnier.

Und dennoch: WIe sehr wünsche ich mich zurück in das Jahr 1996; zurück in den Herbst, der auf einen Sommer folgte, der in der Geschichte des Spiels als „Schwarzer Sommer“ eingehen sollte. Booster öffnen, als gäbe es nichts Wichtigeres und nichts Besseres auf der ganzen Welt. Karten ertauschen und sich an zweifelhaften Preislisten orientieren. Salzstangen futtern und sich über die Regeln streiten. Auf diesem alten, ausgesessenen Sofa sitzen, in die Vertiefung rutschen und anderen beim Spielen zuschauen, während man sich selbst die Finger blutig mischt. Oh mein Gott, wie geil wäre es? Noch einmal da sitzen, auf diesem Sofa und die muffige Luft in Butzes Keller atmen.

Zwischen São Paulo und Amsterdam geht soviel verloren.

Ich habe all die Dinge so selten verstanden.
Es wird kälter und wie könnte man diese Jahreszeit nicht lieben? Der Wind weht die Blätter über die Straßen und man vergräbt den Kopf zwischen den Schultern und klappt den Kragen hoch. Ich liebe diese Spaziergänge, ich liebe den Klang meiner Schuhe auf dem Asphalt und den Klang all der unvergesslichen Songs in meinen Ohren und in meinem Kopf. Noch mehr Piano bitte. Und wo bleiben die Streicher? Wein ist meine Jacke.

Wie oft habe ich es schon im Scherz gesagt,wenn ich mal wieder über Gliederschmerzen und ähnliche Wehwehchen klagte: Getting older is not for pussies. Nein. Nein, das ist es wirklich nicht.
Wer kann mir erklären, wie das hier funktioniert? Warum laufen die Dinge so, wie sie laufen? Der größte Trick, den der Teufel je hatte, ist, dass er die Welt hat glauben lassen, dass es ihn nicht gibt.
Immer wieder denkt man an all diese Momente, freudentrunken und unsterblich, wie man war. An all diese wunderbaren Menschen, die man kennenlernen durfte und die einem immer wieder mal fehlen. All die vergebenen Chancen und all die verlorenen Schlachten um die wirklich wichtigen Dinge. Diese Tage, an denen man geweint hat vor Glück und lachend Arm in Arm durch die Städte dieser Republik zog. Ob sich der Staub an meine Fußabdrücke erinnert, nach all den Jahren?

Soviel fehlt. Ja, ich weiß, irgendwas fehlt immer und irgendwie fühle ich mich nie komplett. Ja, ja, schon klar, ich keine meine Schwächen. Alles, was man will, ist nach vorne stolpern und in Arme fallen. Es gibt soviele Geschichten zu erzählen, soviele Pointen zu versauen, soviel Zeit nachzuholen.
Ich sollte mich wirklich mal wieder mit Anne treffen, in Bremen oder Berlin. Irgendwo was starten. Ich sollte mal nach Österreich fahren und Sarah endlich mal wiedertreffen und fest an mich drücken und diesen komischen Wiener Kaffee trinken. Es wird Zeit, Butze mal wieder zu treffen und über all die alten Jahre zu schwadronieren und zu lachen und zu philosophieren, als wäre es nicht so ewig her und noch keine grauen Haare auf unserem Kopf zu finden. Den Abend mit Löner durchtrinken und feststellen, dass er einfach die bessere Hälfte meiner Selbst ist. Den Zivi im Kniffel schlagen, wie in den besten Jahren, und ihn mit seinem Musikhalbwissen aufziehen. Ob Robert wohl noch immer so miese Tags sprayen würde wie damals, als wir noch jung und dumm waren?
Warum habe ich es nie geschafft, mich mit Christin auf einen Kaffee und einen Spaziergang durch ihre Stadt zu treffen?

Und wieder einmal starre ich das Bild von Jenny und mir auf ihrem Sofa sitzend an, das an meiner Wand hängt. Ich mit langen Locken und dem Tomteshirt, dass bei irgendeinem Umzug verloren ging. Und wieder einmal frage ich mich, was damals passiert ist, das wir uns verloren? Und wieder einmal denke ich daran, wie sehr sie mir fehlt. Sie und soviele andere, die mich begleiteten. Die es schafften, mich trotz meiner Launigkeit, meiner schlechten Witze und meiner Melancholie zu ertragen.

Warum presst mir „My Darling“ von Rosenfels noch immer. nach all den Jahren, Wasser in die rot-geäderten Augen? Warum muss ich immer haben wollen, was ich nicht haben kann? Und warum, zum Henker, ist die Melancholie immer noch und immer wieder und immer schon ein gottverdammter Bestandteil meines Lebens. Auf Euch, all Ihr Seelen, die mir während des Schreibens durch den Kopf gingen wie ein ’06er Merlot.