Zwischen São Paulo und Amsterdam geht soviel verloren.

Ich habe all die Dinge so selten verstanden.
Es wird kälter und wie könnte man diese Jahreszeit nicht lieben? Der Wind weht die Blätter über die Straßen und man vergräbt den Kopf zwischen den Schultern und klappt den Kragen hoch. Ich liebe diese Spaziergänge, ich liebe den Klang meiner Schuhe auf dem Asphalt und den Klang all der unvergesslichen Songs in meinen Ohren und in meinem Kopf. Noch mehr Piano bitte. Und wo bleiben die Streicher? Wein ist meine Jacke.

Wie oft habe ich es schon im Scherz gesagt,wenn ich mal wieder über Gliederschmerzen und ähnliche Wehwehchen klagte: Getting older is not for pussies. Nein. Nein, das ist es wirklich nicht.
Wer kann mir erklären, wie das hier funktioniert? Warum laufen die Dinge so, wie sie laufen? Der größte Trick, den der Teufel je hatte, ist, dass er die Welt hat glauben lassen, dass es ihn nicht gibt.
Immer wieder denkt man an all diese Momente, freudentrunken und unsterblich, wie man war. An all diese wunderbaren Menschen, die man kennenlernen durfte und die einem immer wieder mal fehlen. All die vergebenen Chancen und all die verlorenen Schlachten um die wirklich wichtigen Dinge. Diese Tage, an denen man geweint hat vor Glück und lachend Arm in Arm durch die Städte dieser Republik zog. Ob sich der Staub an meine Fußabdrücke erinnert, nach all den Jahren?

Soviel fehlt. Ja, ich weiß, irgendwas fehlt immer und irgendwie fühle ich mich nie komplett. Ja, ja, schon klar, ich keine meine Schwächen. Alles, was man will, ist nach vorne stolpern und in Arme fallen. Es gibt soviele Geschichten zu erzählen, soviele Pointen zu versauen, soviel Zeit nachzuholen.
Ich sollte mich wirklich mal wieder mit Anne treffen, in Bremen oder Berlin. Irgendwo was starten. Ich sollte mal nach Österreich fahren und Sarah endlich mal wiedertreffen und fest an mich drücken und diesen komischen Wiener Kaffee trinken. Es wird Zeit, Butze mal wieder zu treffen und über all die alten Jahre zu schwadronieren und zu lachen und zu philosophieren, als wäre es nicht so ewig her und noch keine grauen Haare auf unserem Kopf zu finden. Den Abend mit Löner durchtrinken und feststellen, dass er einfach die bessere Hälfte meiner Selbst ist. Den Zivi im Kniffel schlagen, wie in den besten Jahren, und ihn mit seinem Musikhalbwissen aufziehen. Ob Robert wohl noch immer so miese Tags sprayen würde wie damals, als wir noch jung und dumm waren?
Warum habe ich es nie geschafft, mich mit Christin auf einen Kaffee und einen Spaziergang durch ihre Stadt zu treffen?

Und wieder einmal starre ich das Bild von Jenny und mir auf ihrem Sofa sitzend an, das an meiner Wand hängt. Ich mit langen Locken und dem Tomteshirt, dass bei irgendeinem Umzug verloren ging. Und wieder einmal frage ich mich, was damals passiert ist, das wir uns verloren? Und wieder einmal denke ich daran, wie sehr sie mir fehlt. Sie und soviele andere, die mich begleiteten. Die es schafften, mich trotz meiner Launigkeit, meiner schlechten Witze und meiner Melancholie zu ertragen.

Warum presst mir „My Darling“ von Rosenfels noch immer. nach all den Jahren, Wasser in die rot-geäderten Augen? Warum muss ich immer haben wollen, was ich nicht haben kann? Und warum, zum Henker, ist die Melancholie immer noch und immer wieder und immer schon ein gottverdammter Bestandteil meines Lebens. Auf Euch, all Ihr Seelen, die mir während des Schreibens durch den Kopf gingen wie ein ’06er Merlot.

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2 Kommentare zu “Zwischen São Paulo und Amsterdam geht soviel verloren.

  1. „You are standing all alone, now and forever…
    and all your dreams have flown away, there’s no way out…“

    Frühling und Sommer sind für Verliebte und Kinder,
    Herbst und Winter für Melancholiker und Männer.

    Nein, das Leben wird mit den Jahren nicht leichter. Von wegen, „man gewöhnt sich an alles, man wächst mit seinen Aufgaben, alles nur eine Frage der Zeit“ . Schöne Phrasen, die hier und da sicherlich zutreffen, so wie jedes Illustriertenhoroskop. Fehlen nur noch die Kochrezepte. „Dünsten Sie das Herz bei leiser Flamme bis es nicht mehr zuckt, der Rest geht dann von alleine.“ Schönen Dank für gar nichts, Fortuna. Nimm doch mal die Augenbinde ab, wie wärs?

    „Keep your pride and don’t look back, we we’re together…
    from the past, there’s no return for anyone…“

    Natürlich wirds auch nicht leichter wenn man sich in der Vergangenheit vergräbt, wenn man die freie Zeit am liebsten im eigenen Kopf verbringt, wenn man der Realität (und ihrer hässlichen größen Schwester, der Zukunft) mit einer gewissen Gleichmut und Ignoranz begegnet. Aber darum geht es auch nicht. Es geht nicht um den leichten Weg, die beste Lösung, das geringste Übel. Es geht um Ehrlichkeit, um wahre Gefühle, um echten Schmerz. Um das, was einem wirklich, WIRKLICH, etwas bedeutet. Natürlich hängt man auch an Job, Obdach und sonstigen aktuellen Annehmlichkeiten, aber das ist selten die LIEBE, die wir in uns tragen. Nur leider hat es die Liebe gerne so an sich, das sie mehr der Vergangenheit verhaftet ist, als das sie einem im Hier und Jetzt zur Seite steht.

    „It’s hard to keep the faith when you’re lonely…
    and the black shade on your heart takes your breath…“

    Was also tun? Wohin mit all dem Schmerz, der Sehnsucht, den unerfüllten Träumen? Wohin mit dem Ballast der späten Einsicht?
    Immer wieder hört man Songs, in denen konstatiert wird, hätte man sich nicht verhalten wie man sich verhalten hat, dann wäre man nicht der, der man ist, und deswegen würde man alles noch mal genau so machen, selbst wenn man die Wahl hätte Vergangenes zu beeinflussen.
    Das ist sicherlich eine gesunde Einstellung, vorrausgesetzt man ist mit dem aktuellen Ich zufrieden. Was aber wenn man eben so einiges an sich auszusetzen hat, wenn man genau weiß welche Entscheidungen man falsch getroffen hat, wenn man einfach nicht aus dem Kopf bekommt wo und wann man sich wie falsch verhalten hat?

    „You’re not waiting for the daylight…“

    Tageslicht ist für Verliebte und Kinder,
    Mondenschein für Melancholiker und Männer.

    Und vor allen Dingen: Für Träumer.

    Denn, immerhin, wir leben noch. Es gibt noch viele neue Chancen, viele Möglichkeiten auszuschöpfen, viele Gelegenheiten wahrzunehmen. Sicher, wir haben viel versaut, vieles in den Sand gesetzt, aber eben auch nicht alles, ganz im Gegenteil, immerhin kennst du all diese tollen Menschen bereits! All die Pläne von denen du da erzählst sind nach wie vor realistisch und realisierbar. Und keiner weiß was die Zukunft bringt, welche kommenden Entscheidungen richtig oder falsch sein werden, nicht einmal das beste Illustriertenhoroskop der Welt.

    Sammle Inspiration in der Vergangenheit…
    Schöpfe Kraft aus deinen Träumen…
    Verliebte Kinder… Melancholische Männer…
    Da ist IMMER die Chance auf ein gutes Jetzt!

  2. So schöne Worte von euch beiden, die einen Zustand beschreiben, den glaube ich fast jeder in unserem Alter kennt.

    Trotzdem finde auch ich keine Antwort auf die Frage, warum man den Kontakt zu den guten Freunden irgendwann verloren hat.
    Warum es so schwer fällt, das Telefon in die Hand zu nehmen und auf eine Nummer zu tippen.

    Da sind Menschen und Wege – Zeit und Veränderungen.

    Ich hebe mein Glas Amarula und erinnere mich an die besten Zeiten und die besten Menschen!

    Zum Abschluss noch ein Satz:
    Bald ist dieser harte Winter vorbei und alles riecht schon nach Frühling.

    Lg

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