Archiv | Januar 2015

Die Kollision von Vergangenheit und Gegenwart (immer der letzte Tag des Sommers).

Neben meinem Bett liegt ein Buch, es liegt dort seit Jahren. Ab und an lese ich ein wenig darin, lese mir grinsend verrückte Statistiken über Nautik und die Meereswelt durch. Auf der ersten Seite hast Du mir geschrieben: »Ein bisschen Sehnsucht für einen besonderen Freund.« Darum ging es doch immer bei uns, oder? Sehnsucht. Ich hörte dir zu, quetschte Dich aus und lauschte Dir, wie Du mit leuchtenden Augen von fremden Häfen und großen Schiffen erzähltest. Du bohrtest immer tiefer und lauschtest mir gebannt, wenn ich von meinen Hoffnungen und Träumen und meiner Gefühlswelt sprach. Es blieb nicht viel von all den Jahren. Unter anderem dieses Buch. Und das Foto von uns, das bei mir im Flur hängt. Darauf sitzen wir beide Arm in Arm auf dem beigen Sofa bei Deinen Eltern.

Du fehlst mir. Ich sehe mich in Gedanken auf Deinem Beifahrersitz, die Sonne scheint uns ins Gesicht und wir tragen Sonnenbrillen. Die Fenster runter- und das Radio aufgedreht. Fuck the world und schöne Grüße an den Rest der Welt. Aus den Boxen schallt „Want you bad“ von The Offspring, Dein linker Arm hängt aus dem Seitenfenster und schlägt die Drumfill gegen die Außenseite der Tür, während Du uns mit der rechten lenkend durch die Straßen manövrierst. Der Song verhallt, Du sagst „Play it again, Sam!“ Ich drücke auf Repeat und gröhlend rollen wir durch die Straßen der Innenstadt: „I want you all tatooed. I want you bad.“ Es ist immer der letzte Tag des Sommers.
Jedes Mal, wenn ich durch unser Dorf gehe und in unsere Straße einbiege, in der Du 16 Jahre lang meine Nachbarin warst, komme in am Spielplatz vorbei. An dem Spielplatz, auf dessen Rutsche ein paar Verblendete Hakenkreuze geschmiert haben. Wir kamen gerade aus der Schule, fuhren ausnahmsweise im selben Bus. Du nahmst Deinen Edding aus der Tasche und hast die Schmierereien durchgestrichen. In den Jahren sind die Kreuze durch die Sonne verblichen, die leeren durchgestrichenen Kreise sind noch immer da zu sehen. Dabei ist das nun schon 15 Jahre her. Der letzte Tag des Sommers.
Ich erinnere mich lächelnd an das Seven of Nine Poster, das Du mir damals geschenkt hattest und das an meinem Schrank hing, bis ich es meiner damaligen Freundin zuliebe abgenommen habe. Ob Deine Wohnung wohl heute aussieht, wie damals Dein Zimmer? Mit Star Trek Miniaturen allüberall und einem Meerschweinkäfig in der Ecke? Du fehlst. Ich würde mich an die Küste stellen und eine Flaschenpost ins Wasser werfen, wenn es helfen würde.

»Hab Dich schon lang nicht mehr gesehen –
doch kommt es mir genauso vor als ob es gestern wär,
als wir jung waren, groß und stark und so verschworen.
Wann hat Dein Lotse Dich denn bloß verloren?«

(Lotto King Karl, „Schlaflied“)

Meine Gedanken drehen sich immer wieder darum, wo Du wohl heute bist und wie es Dir geht.
Das letzte Mal, dass wir uns sprachen, war am Telefon, im Januar vor ziemlich genau sechs Jahren. Ich wollte Dich zur Taufe meiner Tochter einladen, Du konntest aber nicht kommen, weil Du zu dem Zeitpunkt auf den sieben Weltmeeren unterwegs warst. Das letzte Mal, dass wir uns sahen, war ein halbes Jahr zuvor. Du kamst gerade vom Hafen zurück in unser Dorf und wir fuhren zusammen ein wenig was trinken. Du erzähltest mir, dass nach allem, was Du nun schon gesehen und probiert hattest, doch nichts über ein gutes, kühles Becks aus der Flasche ging. Am selben Abend gabst Du mir noch ein Souvenir, dass Du mir aus Shanghai – einer Stadt, die ich nur aus Piratenfilmen und vom Namen kannte – mitgebracht hattest. Es war September, der letzte Tag des Sommers.

»Wie haben wir uns verloren?
Weißt du noch, wann?«

(Ton, „Sommer“)

Was ist passiert? Ich kann es mir bis heute nicht erklären. Ich versuche es zu verstehen. Plötzlich warst Du weg. Vor zwei Jahren warf ich eine Weihnachtskarte für Dich bei Deinen Eltern ein, mit meiner Handynummer. Es kam keine Antwort. Ein halbes Jahr später schrieb ich Deine damals beste Freundin (die sicher noch immer Kontakt zu Dir hat) an, und fragte sie, wie ich mit Dir Kontakt aufnehmen könne. Sie hat es gelesen aber nicht geantwortet.
Letztes Jahr sagte mir jemand, den wir beide kennen (und die immer wieder Thema unserer Gespräche war), dass sie mit Deinen Eltern gesprochen habe und Du jetzt wohl in Norwegen leben sollst. Norwegen also. „Ich dachte, das interessiert Dich vielleicht.“ Ja, tat es. Klingt gut und passt zu Dir. Wie gern würde ich von Dir hören, erfahren wie es dort ist. Du fehlst.

Ich muss zugeben: Als ich gestern Abend mit Rotwein und wundem Herzen Dein Buch in der Hand hielt und die beiden „Song“-Texte las, die ich für Dich schrieb, kam ich nicht umhin, ein x-tes Mal in den letzten Jahren nach Dir zu googeln. Ich fand eine Anzeige aus diesem Monat. Jemand mit Deinem Vor- und Nachnamen suchte einen Nachmieter für eine Wohnung in der Stadt, in der Du damals wohntest. Ich weiß nicht: Könntest Du das sein? Wäre das die Möglichkeit? Wie groß könnte schon die Chance sein, dass jemand noch jemand mit Deiner Vor- und Nachnamenkombination in dieser Stadt lebt, die gerade Mal etwas mehr als 9.000 Einwohner zu verzeichnen hat? Ich kopierte die Nummer in mein Handy und schaute mir bei Whatsapp das Profilbild an. Jemand von hinten. Könntest Du sein. Könnte jeder sein. Aber wie groß ist die Chance, dass jemand mit Deiner Vor- und Nachnamenkombination UND roten Haaren in dieser Stadt wohnt.
Aber halt – Du wohnst doch in Norwegen, oder? Solltest Du vielleicht zurückgekommen sein? Warst Du gar nicht fort? Wahrscheinlich bist Du es gar nicht. Könnte jeder sein. Du fehlst.

Im Hintergrund läuft gerade „Want you bad“. Natürlich. Wie gerne säße ich neben Dir im Auto, Fenster runtergekurbelt, nur um noch einmal den letzten Tag des Sommers zu erleben. Wir würden vielleicht zum Hafen fahren und großen Schiffen hinterherschauen. Du mit einem Becks in der Hand und ich mit einer eiskalten Cola. Wir würden erzählen, was die letzten Jahre so passiert ist und Du könntest mir von Deinen Reisen berichten. Ein letztes Mal von Dir umarmt werden. Weil Du mir fehlst.
Ich habe noch immer das Foto, was Du mir damals geschenkt hast: Du stehst an Deck, im strömenden Regen. Damals warst Du noch Anwärterin. Mittlerweile bist Du wohl schon längst Kapitänin.
„Ein bisschen Sehnsucht für einen besonderen Freund.“ Ja, die habe ich. Nach einer besonderen Freundin.
Klar könnte man sagen, ich bräuchte doch nur einfach mal die Nummer anrufen und fragen, ob Du es bist. Ich könnte auch einfach rübergehen, zu Deinen Eltern, mit denen ich mich gut verstand und nach Dir fragen. Es wäre ein leichtes. Doch neben all dem Fehlen, dem Vermissen und der Sehnsucht ist da auch immer noch die Angst: Vor dem Ungewissen, was auch immer dazu führte, dass Du jetzt da und ich hier bin, mit sieben Weltmeeren zwischen uns.
Du fehlst mir, so wie der letzte Tag des Sommers. Ich bin bis heute froh darüber und stolz darauf, ein „besonderer Freund“ gewesen zu sein.

Abschließen kann ich eigentlich nur mit einem Zitat aus einem Film, den wir beide mögen: „Ich war es und werde es immer sein: Ihr Freund.“

Gute Reise und Schiff ahoi – und falls irgendwann mal eine Flaschenpost vorbeischwimmt, dann fische sie doch bitte aus dem Wasser. Sie könnte von mir sein.