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Eine handvoll Jugendliche im Schwarzen Sommer sechsundneunzig.

Das LIcht fällt durch die dreckigen Fensterscheiben auf die an der Wand hängenden Puzzle. Ein Miniaturmodell des Millenium Falcon wirft Schatten auf den Teppich. Es ist Spätherbst ’96 und ich sitze hier auf dem alten, ausgesessenen grauen Sofa. Vor mir liegt das Kartefakt, eine Zeitschrift, die es schon lange nicht mehr gibt. Irgendjemand hat die Seite mit den aktuellen Preislisten aufgeschlagen, ich selbst mische mir seit gefühlten zehn Minuten die Finger wund, während ich das Spiel zwischen Butze und Mendel beobachte. Irgendjemand hat meinen Ordner auf dem Schoß und blättert ein wenig lustlos darin herum. Immer wieder werfe ich einen Seitenblick, nur um sicherzugehen, dass mir keine Karte gestohlen wird. Das Spiel am Tisch nähert sich dem Ende, bei der nächsten Runde bin ich dabei. Bis dahin: Beobachten und weitermischen. Butze legt den nächsten Mahamoti-Dschinn (oder „Motte“ wie sein Spitzname seit frühesten Jahren lautet) und hat das Spiel im Sack. Von links wird Interesse an einer meiner Karten bekundet. Ich beuge mich nach vorne und überprüfe den „aktuellen“ Preis, verschiebe einen etwaigen Tausch auf später. Jetzt kommt erstmal mein Moment: Ein letztes Mal mischen. Den Würfel auf „20“ drehen. Abheben. Sieben Karten ziehen. Anschauen, grinsen und los geht es…


Das alles ist so endlos lange her, es liegt so unglaublich lange zurück. Jüngst kam ich wieder von einem Turnier; es lief mittelprächtig, aber hat Spaß gemacht. Ich unterhielt mich mit einem anderen Spieler, geschätztes Alter Ende 40. Er selbst hatte genau wie ich sechs, sieben Jahre mit dem Spiel pausiert. Nun saß er mit mir an diesem kleinen Tisch, mit sovielen anderen Spielern. „Es ist doch so,“ sagte er und zog dabei eine neue Hand, während ich noch am Mischen war, „man hört doch nie wirklich auf mit dem Spiel. Man macht eine Pause – der eine kürzer, der andere etwas länger -, aber aufhören?“ Er schüttelte den Kopf.

Immer wieder treffe ich Spieler, die irgendwann einmal „aufgehört“ haben – eigentlich trifft das auf fast jeden Spieler zu, der ein paar Jahre dabei war. Aber es ist verrückt: Sie alle kommen wieder. Irgendwann werden sie die Karten wieder aus dem Keller holen; sie werden wieder kleine eingeschweißte Tütchen öffnen, sie werden wieder an diesen Tischen sitzen und sie werden das tun, was sie im Grunde am Liebsten tun: Die Karten mischen. Die Karten mischen, während sie sich mit anderen unterhalten. Die Karten mischen, während sie anderen beim Spielen zusehen. Die Karten mischen, während sie auf ihren eigenen Einsatz warten.

Ich habe noch immer meine ersten Karten – zumindest jene, die nicht im Laufe der Zeit vertauscht wurden. Die Ecken sind angestoßen, sie haben Knicke und Fettflecke. Kein Schwein würde sie für diese ersten Karten interessieren (Mirage auf deutsch), nicht in diesem Zustand. Aber das ist auch egal. Warum sollte ich sie hergeben? Diese allerersten Karten, die ich je besaß, sind in diesem Jahr 18 Jahre alt geworden. Volljährig. Immer wieder, bei sovielen Dingen, stelle ich fest, wie alt ich geworden bin. Auch hier: 18 Jahre. Unglaublich.
Und wieder einmal denke ich an den vierzehnjährigen Jungen, der mitten im Stimmbruch steckte und (gemeinsam mit seinen Freunden) eine neue Leidenschaft für sich entdeckt hatte. Eigentlich ist es Wahnsinn gewesen: Man vertraute auf Kartenpreise aus einem im besten Falle zwei Monate alten Printmedium, während ich mich heute an den aktuellen Tagespreisen orientiere. Meine Decks teste ich am Computer, bevor ich mir die benötigten Karten im Internet kaufe und dann das Deck zusammenbaue. Es gibt keine Combo, keinen Trick, keinen Kniff, den ich nicht im Internet nachlesen kann. Das ganze Rätsel dieses komplizierten Spieles liegt vollkommen gelöst vor mir, ich kann darin lesen wie in einem offenen Buch. Und mein Rucksack? Der steht schon gepackt in der Ecke, für das nächste Turnier.

Und dennoch: WIe sehr wünsche ich mich zurück in das Jahr 1996; zurück in den Herbst, der auf einen Sommer folgte, der in der Geschichte des Spiels als „Schwarzer Sommer“ eingehen sollte. Booster öffnen, als gäbe es nichts Wichtigeres und nichts Besseres auf der ganzen Welt. Karten ertauschen und sich an zweifelhaften Preislisten orientieren. Salzstangen futtern und sich über die Regeln streiten. Auf diesem alten, ausgesessenen Sofa sitzen, in die Vertiefung rutschen und anderen beim Spielen zuschauen, während man sich selbst die Finger blutig mischt. Oh mein Gott, wie geil wäre es? Noch einmal da sitzen, auf diesem Sofa und die muffige Luft in Butzes Keller atmen.

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Nachwehen („We’ll always have Paris“).

Wir waren wie Nacht über unserem kleinen Dorf und gebaren Sterne
Manchmal frage ich mich, ob die Steine unter meinen Füßen jemals einen anderen Klang annehmen werden als jenen knirschenden, der ihnen seit jenen verückten Jahren innewohnt.
Schien es nicht immer irgendwie, als seien wir einem Film entsprungen? Wir begannen als Bonnie & Clyde und waren später Ginger Rogers & Fred Astaire. Und während ich meine tauben Füße durch die wohlbekannten Straßen lenke, frage ich mich – noch immer die Nachwehen der der von uns gebärten Sterne spürend -, warum es enden musste wie bei Ilsa & Rick? Nur ohne Flugzeug und in Farbe.
Irgendwo im Hintergrund spielt ein Mann am Piano „As time goes by“; ich ziehe mir den Hut tiefer ins Gesicht, murmele durch schiefe Zähne irgendetwas wie „Here’s looking at you, Kid.“, drehe mich um und gehe, während der Wind meine Worte davonträgt. Wohin auch immer.
Vielleicht bis in die größte Stadt Marokkos.