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Sie fragen mich nach Dir.

Sie fragen mich nach Dir, wenn sie mich sehen. Wie es Dir so geht und wie Du Dich entwickelst. Und während meine Lippen stets das Wort „prächtig“ formen, stelle ich mir dieselbe Frage.

Jedes Mal, wenn Du wieder weg bist und ich die Trümmer der Tage aufräume, wird mir so unsagbar schwer ums Herz. Du fehlst mir. So sehr.

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Unablässig Deinen Namen in die Welt schreien.

Diese wundervollen Stunden in den dunklen Tagen und Wochen. Man sollte die öfter die Menschen treffen, deren Gegenwart man genießt und so oft vermisst. Mit deren Namen auf der Zunge man von Zeit zu Zeit aufwacht und die sich in unsere Gedächtnisse eingebrannt haben. Man sollte sich treffen, auf eine Cola und eine Schippe Pommes und von den guten Zeiten erzählen. Man sollte lachen und die Stunden genießen, man sollte Sätze sagen, die beginnen mit „Weißt Du noch…?“ und niemals zu enden scheinen.
Wer auch immer Du bist, Du solltest Dir gewiss sein, dass es immer Menschen da draußen geben, die Deinen Namen unablässig in die Welt schreien.

What if I told you…?

Was wäre, wenn ich Dir sagen würde, dass es nicht die gefärbten Haare und die zerrissenen Hosen waren, die mir für immer im Gedächtnis bleiben werden – sondern das rote Kleid und die Creolen an Deinen Ohrläppchen?

[tiːnˌeɪ.dʒ – æŋst]

„Jeder Mensch kann schwimmen!“ – ich bezweifel, dass das stimmt. Es gibt im Englischen und Amerikanischen Worte, für die es in unserer Muttersprache keine ausreichende Bedeutung und Übersetzung gibt. Ein Beispiel dafür ist eines der wichtigesten Worte der modernen Popmusik: Pain. Klar, Pain heißt Schmerz. Aber auch Mühe, Beschwerden, Pein, Qual. Es beschreibt Schmerzen in sowohl körperlicher als auch seelischer Sicht. Kein Wort im Deutschen kommt der Bedeutung ansatzweise nahe.
Dennoch, da gibt es noch eines: Teenage Angst. Die wenigsten Leute kennen diesen Begriff; und jene, die ihn kennen, kennen ihn nicht nur, sondern wissen, wie er sich anfühlt. „In gläsernen Schuhen tanzt es sich eher beschissen – doch woher sollst Du das auch wissen?“ (-Clickclickdecker, „Sozialer Brennpunkt Ich“) Teenage Angst. Ich kenne (oder besser: kannte) sie nur zu Genüge. Ich war jung und verzweifelt, wütend und immer am brennen. Schrei wenn Du brennst! – und ich brannte und schrie pausenlos. Es gab Menschen, die die Ruhe in mir kannten, die meisten sahen nur den Schrei und verstanden ihn selten. Es war die Wut und die Verzweiflung und auch die Angst. Die Teenage Angst. Jede gottverdammte Band auf diesem Planeten sollte einen Song darüber schreiben. „I’m young and I’m hopeless, I’m lost and I know this.“ Ja, jung war ich. Ohne Hoffnung? Ja, vielleicht auch das. Verloren? Nie so sehr, wie ich befürchtete oder wünschte. Leider oder zum Glück. Das Beste an meinem Leben? Dass ich dabeigewesen bin. Wir hatten keine Angst vorm Sterben. Und heute? Auch nicht mehr vor dem Leben. Ich bin irgendwie dabeigewesen.

Am Ende der Nacht (singe ich Lieder von Dir).

Ich war nie ein guter Geschichtenerzähler: Ich schaffe es selten, den Spannungsbogen aufrecht zu halten, es mangelt an Humor und Charme. In der Regel versaue ich die Pointe und weiß selten, worauf ich eigentlich hinaus will. Aber ich kenne dennoch ein paar schöne Geschichten, ohne Moral. Die meisten handeln von Dir. Die wenigsten davon kennen die meisten. Die meisten davon kennen die wenigsten. Eigentlich nur eine handvoll Leute. Und die, die hören sie immer wieder gerne. Sie mögen meinen melancholischen Blick in die Ferne, wenn ich von Dir erzähle, sagen sie.
Und wenn der Rotwein gut und die Musik leise ist, wenn ich meinen endgültigen Lieblingsplatz auf der Fensterbank meines Lieblingsfreundes gefunden habe, dann steht die Zeit still.
Die Sonne küsst den Morgen und die Vögel erwachen. Am Ende der Nacht singe ich Lieder von Dir.

….und ich schreib noch eine Zeile gegen das Vergessen.

Die Zeit. Alte, dumme Hure Zeit.
Sie sitzt uns im Nacken, zerrt und reißt an unseren Beinen; sie will uns irgendwo hinbringen, wo wir (noch) gar nicht hinwollen. Staunend stehen wir da, wo wir immer und stets am besten standen (zumindest kam es uns immer so vor): Am Spielfeldrand. Wir sind die Fanboys des Geschehens, wir haben keine Ahnung und noch weniger drauf, aber wir werden nicht müde, das Geschehen auf unsere eigene, gottgegebene zynische Art und Weise zu kommentieren. Das sind die Momente, in denen wir uns unendlich und unverwundbar fühlen. Nicht für immer, aber hier und jetzt.
Im CD-Player dreht Casper seine Runden: „Vielleicht liegt der Sinn darin, einfach aufzugeben.“ Und: Nein, eigentlich nicht.
Getting older is not for pussies. Wieviel Erinnerungen kann dieser Kopf noch tragen, bis er voller Schwere gen Boden sinkt? All diese Kodak-Momente, die sich in mein Hirn eingebrannt hatte. Menschen, lachen und verblichen wie auf einem Polaroid, am Rand abgegriffen und ein wenig verschmutzt. Die Lieblingsplatten und die Lieblingsmenschen und ein guter Rotwein; man sitzt da und schweigt und blickt zu Boden. Man blickt auf und sieht in verständnisvolle Augen – bis einer die nächste Anekdote raushaut und alle Lachen schon im Vornerein, da jeder die Geschichten längst auswendig kennt.
Ich habe soviel zu erzählen. Soviele Geschichten aus all den Jahren: Geschichten von Helligkeit und Dunkelheit. Schlafen auf Fußböden und unter Brücken in fremden Straßen, Koks auf Backstageklos und Gras unter Schuhsohlen. Geschichten, die von Liebe handeln und die größten Schnulzen Hollywoods dagegen mager aussehen lassen. Geschichten von Wut und Hass. Und wie ich meinen gelben Vogel fand, als die kanadische Band ihre traurigen Lieder sang.

Ich schreibe noch eine weitere Zeile gegen das Vergessen. Einfach um sicherzugehen, dass es nicht verloren geht. Weil manche Dinge einfach zu tief gehen, als dass sie nicht tösenden Applaus verdient hätten. Weil manche Dinge soviel Tränen und soviel Lachen verursacht haben und bis heute jeden Gedanken daran wert sind. Ich schaue aus dem Fenster und der Wind, der durch die Äste weht, stimmt mir zu. Anfang 30. Wir alle sind Kunst: Von der Zeit gezeichnet.
Diese Hände werden niemals ruhen; es scheint, als wären sie dazu nicht in der Lage. Sie müssen immer schreiben und tippen oder an irgendwas herumspielen. Ich werde immer ein Schreibender bleiben, die Notizbücher, die sich hinter mir neben dem Bett stapeln, wollen dies bezeugen. Ich habe Fieber in den Fingern und wenn ich auch nie wirklich viel zustande gebracht habe, so dann doch dieses hier. Weil ich es kann. Vielleicht das einzige und das nicht einmal überragend. „Und dennoch ist es besser als nichts“ schreit eine Stimme hinter meiner Stirn. Ich nicke und stimme zu: „Vielleicht ist das besser als nichts!“ denke ich mir und nippe an meinem Glas Rotwein.