Run, Yoshimi, run!

Alles um mich herum spiegelt den Verlauf meines Inneren der letzten Jahrzehnte wieder. Man könnte sich die Chronologie meiner CD- und Plattensammlung anschauen und sie würde so viel über mich aussagen, wenn man bereit wäre, zwischen den Zeilen (soll heißen: Scheiben) zu lesen: Der sorglose, unbekümmerte Techno, gefolgt vom wütenden Punkrock. Der melancholische Singer-Songwriter-Kram. Der verkopfte Indierock. Der hoffnungsvolle Britpop. Der verzweifelte Emokram. Und was immer wieder und nach allem blieb, sind die Klänge, die mein Herz nie verlassen wollten. Ich habe sie – ehrlich gesagt – auch nie darum gebeten.
Ich blicke auf so unsagbar viel geschriebene Worte, Sätze und Zeilen zurück. An einen Großteil erinnere ich mich selbst nicht mehr und frage mich beim Wiederentdecken so manches Mal erstaunt: „Das habe ich geschrieben?“ Einiges lässt mich die Stirn runzeln, manches lässt mich schmunzeln, vieles macht mich lächelnd. Und alles ergibt eigentlich erst einen Sinn, wenn man es im Bezug auf die Veröffentlichung bzw auf das Datum des Verfassens sieht. Dann macht plötzlich alles Sinn. Und im Hintergrund läuft „The Masterplan“ von Oasis, ein Song, der eigentlich viel zu gut für eine B-Seite war und ist.
Ich habe ein paar meiner alten Texte ausgegraben, mehr aus einer melancholischen Situation heraus denn aus Stolz über die eigenen lyrischen (*hüstel*) Ergüsse. Es ist spannend und nicht alles ist schlecht. Wenngleich das meiste eigentlich mal ordentlich überarbeitet und aufpoliert werden sollte. Egal. Ich denke, ich werde ein paar dieser im Keller verstaubten Miniaturmodelle meiner Seele aus dem Keller meines Geistes in das Licht des Tages zerren. Denn, ist es nicht folgendermaßen: Es kann noch so dunkel sein, irgendwie ist da doch immer ein wenig Hoffnung, oder? Wenngleich auch nur in Form eines Songs, der Dein Herz berührt. Oder in Form eines fast schon vergessenen Textes. Oder um es mit anderen Worten auszudrücken: Egal, wie spät es jemals für mich sein sollte: Ich hoffe, dass die Lonely Hearts Club Band am Straßenrand steht, während ich mit eingezogenem Kopf vorbeistapfe und mir einen letzten Song spielt.

Krieg; keinen Frieden.

„Wir haben schon zuviele Kompromisse gemacht, zuviele Rückschläge erfahren. Sie dringen in unseren Raum ein und wir weichen zurück. (…) Doch jetzt nicht! Hier wird der Schlussstrich gezogen! Bis hierher und nicht weiter! Und ich…ich werde sie bezahlen lassen für ihre Taten.“
(-Cpt. Picard, „Star Trek VIII: Der erste Kontakt“)

Noch immmer habe ich den Geschmack von Kupfer auf meiner Zunge. Irgendwie habe ich es nie geschafft, zu vergessen, wie sich Sand zwischen Zähne und die Angst im Genick anfühlen. Die Angst auf dem Heimweg und die verzweifelte Wut zuhause. In all den Jahren floss soviel Wasser die Elbe runter und noch immer balle ich wütend die Fäuste in den Taschen, dass die Knöchel weiß hervorstechen.
Ich war nie ein Freund von Grauzonenromantik. Zwischen dem Feind und uns eine klare TRennungslinie ziehen. Und hier stehe ich, mit einem kleinen Ast zwischen den Fingern, um eine Linie in den Sand zu ziehen. Direkt neben meinem Gebissabdruck.
Irgendwo hier sitzt der Mann, der einmal der Junge mit den großen, schiefen Zähnen, der großen Brille und den zu großen Pullis war. Der Nerd, der Nerd war, bevor Nerdtum als cool anerkannt wurde. Der Verlierer mit den bunten Haaren. Der, dem man besser nicht über den Weg traute. Der Kinderfresser. Der verzweifelte, wütende Jugendliche.
Es ist komisch, Euch heute zu sehen. Wie ihr Fotos von Euch auf der befickten Halfpipe postet oder mich mit unsicherem Lächeln in den Straßen grüßt, nachdem ihr Euch gewahr geworden seid, um wen es sich bei Eurem Gegenüber handelt. Aber es gibt keinen Frieden, keine Freundschaft. Weder auf der Straße noch im Internet, wo ihr nicht davor zurückschreckt, mich anzukumpeln und Eure Sätze beginnen mit „Weißt Du noch…?“ Natürlich weiß ich noch. Und es ist ein gutes Gefühl, Eure die Situation abschätzende Reaktion zu sehen, sobald ich den Mund aufmache, rede und die Worte klar und verständlich – ohne Stottern, ohne Selbstzweifel – meinen Rachen verlassen: „Ich denke nicht, dass wir uns was zu sagen hätten?“
Ich denke nicht, dass wir uns was zu sagen hätten. Was denn auch? „Hallowiegehts?achmussjaundselbst?bisbald!“ „Lass mal Nummern tauschen. Ich ruf Dich an, ganz sicher.“ Na klar.

Die beste Waffe bleibt, ein gutes Leben zu führen.

Unablässig Deinen Namen in die Welt schreien.

Diese wundervollen Stunden in den dunklen Tagen und Wochen. Man sollte die öfter die Menschen treffen, deren Gegenwart man genießt und so oft vermisst. Mit deren Namen auf der Zunge man von Zeit zu Zeit aufwacht und die sich in unsere Gedächtnisse eingebrannt haben. Man sollte sich treffen, auf eine Cola und eine Schippe Pommes und von den guten Zeiten erzählen. Man sollte lachen und die Stunden genießen, man sollte Sätze sagen, die beginnen mit „Weißt Du noch…?“ und niemals zu enden scheinen.
Wer auch immer Du bist, Du solltest Dir gewiss sein, dass es immer Menschen da draußen geben, die Deinen Namen unablässig in die Welt schreien.

What if I told you…?

Was wäre, wenn ich Dir sagen würde, dass es nicht die gefärbten Haare und die zerrissenen Hosen waren, die mir für immer im Gedächtnis bleiben werden – sondern das rote Kleid und die Creolen an Deinen Ohrläppchen?

[tiːnˌeɪ.dʒ – æŋst]

„Jeder Mensch kann schwimmen!“ – ich bezweifel, dass das stimmt. Es gibt im Englischen und Amerikanischen Worte, für die es in unserer Muttersprache keine ausreichende Bedeutung und Übersetzung gibt. Ein Beispiel dafür ist eines der wichtigesten Worte der modernen Popmusik: Pain. Klar, Pain heißt Schmerz. Aber auch Mühe, Beschwerden, Pein, Qual. Es beschreibt Schmerzen in sowohl körperlicher als auch seelischer Sicht. Kein Wort im Deutschen kommt der Bedeutung ansatzweise nahe.
Dennoch, da gibt es noch eines: Teenage Angst. Die wenigsten Leute kennen diesen Begriff; und jene, die ihn kennen, kennen ihn nicht nur, sondern wissen, wie er sich anfühlt. „In gläsernen Schuhen tanzt es sich eher beschissen – doch woher sollst Du das auch wissen?“ (-Clickclickdecker, „Sozialer Brennpunkt Ich“) Teenage Angst. Ich kenne (oder besser: kannte) sie nur zu Genüge. Ich war jung und verzweifelt, wütend und immer am brennen. Schrei wenn Du brennst! – und ich brannte und schrie pausenlos. Es gab Menschen, die die Ruhe in mir kannten, die meisten sahen nur den Schrei und verstanden ihn selten. Es war die Wut und die Verzweiflung und auch die Angst. Die Teenage Angst. Jede gottverdammte Band auf diesem Planeten sollte einen Song darüber schreiben. „I’m young and I’m hopeless, I’m lost and I know this.“ Ja, jung war ich. Ohne Hoffnung? Ja, vielleicht auch das. Verloren? Nie so sehr, wie ich befürchtete oder wünschte. Leider oder zum Glück. Das Beste an meinem Leben? Dass ich dabeigewesen bin. Wir hatten keine Angst vorm Sterben. Und heute? Auch nicht mehr vor dem Leben. Ich bin irgendwie dabeigewesen.

Nachwehen („We’ll always have Paris“).

Wir waren wie Nacht über unserem kleinen Dorf und gebaren Sterne
Manchmal frage ich mich, ob die Steine unter meinen Füßen jemals einen anderen Klang annehmen werden als jenen knirschenden, der ihnen seit jenen verückten Jahren innewohnt.
Schien es nicht immer irgendwie, als seien wir einem Film entsprungen? Wir begannen als Bonnie & Clyde und waren später Ginger Rogers & Fred Astaire. Und während ich meine tauben Füße durch die wohlbekannten Straßen lenke, frage ich mich – noch immer die Nachwehen der der von uns gebärten Sterne spürend -, warum es enden musste wie bei Ilsa & Rick? Nur ohne Flugzeug und in Farbe.
Irgendwo im Hintergrund spielt ein Mann am Piano „As time goes by“; ich ziehe mir den Hut tiefer ins Gesicht, murmele durch schiefe Zähne irgendetwas wie „Here’s looking at you, Kid.“, drehe mich um und gehe, während der Wind meine Worte davonträgt. Wohin auch immer.
Vielleicht bis in die größte Stadt Marokkos.

Am Ende der Nacht (singe ich Lieder von Dir).

Ich war nie ein guter Geschichtenerzähler: Ich schaffe es selten, den Spannungsbogen aufrecht zu halten, es mangelt an Humor und Charme. In der Regel versaue ich die Pointe und weiß selten, worauf ich eigentlich hinaus will. Aber ich kenne dennoch ein paar schöne Geschichten, ohne Moral. Die meisten handeln von Dir. Die wenigsten davon kennen die meisten. Die meisten davon kennen die wenigsten. Eigentlich nur eine handvoll Leute. Und die, die hören sie immer wieder gerne. Sie mögen meinen melancholischen Blick in die Ferne, wenn ich von Dir erzähle, sagen sie.
Und wenn der Rotwein gut und die Musik leise ist, wenn ich meinen endgültigen Lieblingsplatz auf der Fensterbank meines Lieblingsfreundes gefunden habe, dann steht die Zeit still.
Die Sonne küsst den Morgen und die Vögel erwachen. Am Ende der Nacht singe ich Lieder von Dir.